Logo des dialog e.V. Vereinigung deutscher und russischer Ökonomen Deutsche und russische dialoger vor dem Berliner Reichstag.
[ Deutsch ] [ Russisch ]

1. dialog e.V.-Studienreise nach Nischnij Nowgorod

Das Kennenlernen der russischen Wirtschaftsbedingungen ist zwar anhand von Statistiken und Fachliteratur möglich, doch fehlen dabei oft Fallstudien und Erfahrungsberichte, die die Herausforderungen und Chancen des wirtschaftlichen Alltags in Russland praktisch veranschaulichen. Die Berliner Regionalgruppe des „dialog e.V. – Vereinigung deutscher und russischer Ökonomen“ veranstaltete daher vom 24. September bis 1. Oktober 2006 eine Studienreise nach Nischni Nowgorod/Russland als Auftakt einer neuen Tradition von Studienreisen in ausgewählte russische Regionen.

Motivation – Idee und Ziel der Reise

Gebäude im alten Teil der Stadt

Gebäude im alten Teil der Stadt

Ziel der Reise war es, Studierenden und Berufsanfängern einen praktischen Einblick in die deutschrussischen Wirtshaftsbeziehungen zu geben. Durch Besuche in Unternehmen und Institutionen sowie durch Gespräche mit russischen und deutschen Managern, Angestellten und Studenten sollten unterschiedliche Aspekte des wirtschaftlichen Alltags erfahrbar gemacht werden. Diese Treffen beinhalteten darüber hinaus die Chance, bei ähnlichen Interessen und zum gegenseitigen Nutzen Kontakte zu initiieren und fortzuführen.

Als Reiseziel wurde die Stadt Nischni Nowgorod ausgewählt, die als Hauptstadt des föderalen Wolgabezirks und als traditionelle Handelsstadt ein großes Potential in Hinblick auf die wirtschaftliche Zusammenarbeit deutscher und russischer Unternehmen bietet.

Teilnehmer – Alter, Beruf und Herkunft der Teilnehmer

Altes Holzhaus in der Innenstadt

Altes Holzhaus in der Innenstadt

An der Studienreise nahmen 21 Studenten und Berufstätige im Alter von 16 bis 44 Jahren teil. Wie die Altersstruktur, so waren auch die Berufsprofile der Teilnehmer sehr heterogen. Von den 15 Studenten, die an der Reise teilnahmen, studieren 3 Wirtschaft und 3 Energie- und Umweltmanagement. Die restlichen Studenten sind in technischen und geisteswissenschaftlichen Disziplinen eingeschrieben. Vier machten keine Angaben zu ihrer Fachrichtung. Der Großteil dieser Gruppe stand bei Antritt der Reise kurz vor Abschluss des Studiums bzw. hatte das Studium kürzlich beendet. 5 Teilnehmer arbeiten bereits in einem Beruf als Bankkauffrau, IT-Consultant, Rechtsanwalt oder freiberuflich. Der jüngste Teilnehmer besucht noch die Schule.

71% der Reisegruppe haben ihren Wohnsitz in Deutschland, weitere kommen aus Österreich, Polen und Russland. Von den 71% der in Deutschland wohnenden Teilnehmer kommen 5 aus der Region Berlin/Brandenburg, 3 aus Nordrhein-Westfalen, 2 jeweils aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, sowie einer aus Rheinland-Pfalz. 57% der Teilnehmer besitzen die deutsche Staatsbürgerschaft, 24% die russische, 14% der Teilnehmer kommen aus Österreich, 5% aus Polen.

Die Reisesprache war deutsch. Bei nicht-deutschsprachigen Unternehmensbesuchen wurden Dolmetscher organisiert bzw. auf die russischen Sprachkenntnisse einzelner Teilnehmer zurückgegriffen.

Teilnehmer – Anwerbung und Erwartungen der Teilnehmer

Blick auf den Straßenverkehr

Blick auf den Straßenverkehr

Um die 1. Studienreise des dialog e.V. besser auswerten zu können, wurden die Teilnehmer zu Ende der Reise gebeten, Fragebögen auszufüllen. Anhand 14 ausgefüllter Fragebögen lässt sich folgendes erkennen: Die Hälfte der Teilnehmer, die den Fragebogen ausfüllten, ist durch Mailinglisten auf die Reise nach Nischni Nowgorod aufmerksam geworden. Hierbei sind insbesondere die JOE-Liste und der dialog e.V.-Verteiler für Interessierte zu nennen. Auch in Zusammenarbeit mit Universitäten bzw. Fachbereichen und deren Mailinglisten konnten Teilnehmer akquiriert werden. Hierbei ist insbesondere die Technische Universität Dresden zu nennen, die durch ihr Informationsmanagement Studenten auf die Reise aufmerksam machte. Weitere 4 Teilnehmer wurden über Mundpropaganda auf die Reise hingewiesen und entschlossen sich zur Teilnahme. Der Großteil der Reisegruppe war zu dem Zeitpunkt kein Mitglied des dialog e.V.

Die Erwartungen der Teilnehmer an das Programm der Reise waren hoch. Sie wollten Informationen über die wirtschaftliche Lage Russlands und Einblicke hinter die touristische Fassade erhalten. Zum einen war der Vergleich der Vorgehensweise deutscher und russischer Unternehmen vor Ort wichtig, zum anderen das Knüpfen von geschäftlichen Kontakten und auch das Herausfinden möglicher Investments. Ebenso bedeutsam waren das Kennenlernen der Stadt Nischni Nowgorod und deren kulturelle Besonderheiten. Viele Teilnehmer erhofften sich fernab von der Metropole Moskau einen authentischeren Blick auf das russische Leben. Sie wollten neben den wirtschaftlichen Aspekten der Reise auch möglichst viel über das russische Alltagsleben erfahren und mit den Menschen in Kontakt kommen. Weitere Erwartungen waren das Kennenlernen von „Gleichgesinnten“ innerhalb der Gruppe, sowie das Auffrischen alter Russischkenntnisse und das Abbauen von Vorurteilen, die sich im Laufe der Jahre gebildet hatten.

Programm – 7 Tage in Nischni Nowgorod

Die Teilnehmer der Studienreise flogen am 24. September 2006 von Berlin nach Moskau, wo sie von Vertretern der Moskauer Regionalgruppe des dialog e.V. empfangen wurden. Es folgte eine ausführliche Stadtbesichtigung Moskaus. Nach nächtlicher Zugfahrt kamen sie am Morgen des 25. September in Nischni Nowgorod an und wurden von der Reisebegleitung in Empfang genommen. Mit einem angemieteten Bus fuhren die Teilnehmer zum Wohnheim der Linguistischen Universität von Nischni Nowgorod, wo sie während der Reise wohnten.

Erster Programmpunkt war ein Stadtspaziergang durch das Zentrum Nischni Nowgorods, um der Reisegruppe einen ersten Eindruck der Stadt zu vermitteln. Dabei wurden die Teilnehmer vom örtlichen Fernsehsender interviewt.

Nach dem Spaziergang besuchte die Gruppe das erste Unternehmen, das Geschäft Deichmann Optik. Der deutsche Eigentümer lebt schon seit mehr als 10 Jahren in der Stadt an der Wolga und hat die Reiseteilnehmer an seinen zahlreichen Erfahrungen des russischen Alltags- und Geschäftslebens teilhaben lassen.

Am Abend gab es ein Treffen mit Studenten der Higher school of economics von Nischni Nowgorod, bei dem die deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen diskutiert wurden. Ebenso stellte sich der dialog e.V. vor. Bei einem gemeinsamen Abendessen unterhielt man sich weiter in entspannter Atmosphäre.

Ausstellungsfahrzeuge im GAZ-Museum.

Ausstellungsfahrzeuge im GAZ-Museum.

Der 3.Tag der Studienreise begann mit der Besichtigung des Museum GAZ. GAZ, das Gorkowski Avtosawod, ist einer der größten Arbeitgeber der Stadt. In dem in den 19030er Jahren gegründeten Autowerk wurden und werden Automarken wie Pobeda, Gazelle und Volga hergestellt. Nach Einstellung der Produktion werden die Modelle im Museum ausgestellt.

Im Anschluss folgte die Besichtigung der Volga Brauerei, die 2004 von Heineken aufgekauft wurde. Der deutsche Brauereileiter zeigte der Gruppe, die im Bau befindlichen Produktionsanlagen zur Herstellung der Heineken-Hausmarken „Heineken“ und „Amstel“, die neuen Anlagen zur Herstellung des regionalen Bieres „Okskoe“, „Rusitsh“ und „Tri Medvedy“, sowie die hauseigene Herstellung von Maische zur Produktion von Bier. Danach wurde das Büro der KPMG in Nischni Nowgorod besucht, wo den Teilnehmern das Unternehmen präsentiert und im Anschluss eine Gesprächsrunde bei Kaffee und Kuchen organisiert wurde.

Am Abend lernte die Gruppe Studenten des Internationalen Instituts für Wirtschaft, Recht und Management an der Architektur- und Bauuniversität kennen. Nach einer Diskussionsrunde im Gebäude der Universität, klang der Abend in einer Bar aus.

Markenprogramm der Volga Brauerei

Markenprogramm der Volga Brauerei

Am Mittwoch traf sich die Reisegruppe direkt im Kreml von Nischni Nowgorod, um mit Vertretern der Gebietsadministration in Kontakt zu kommen. In einer Präsentations- und Diskussionsrunde stellten diese die Stadt und das Gebiet Nischni Nowgorod vor und legten Zukunftsstrategien zur weiteren Entwicklung des Gebiets dar. Die Teilnehmer zeigten hierbei besonderes Interesse an den architektonischen Veränderungen des Stadtzentrums, welches geprägt ist durch einen außergewöhnlichen Mix aus neuen Bauten und alten russischen Holzhäusern. Im Kreml von Nischni Nowgorod Am Nachmittag wurde das russischdeutsche Unternehmen „Funk“ besucht. In einer Diskussionsrunde mit dem russischen Geschäftsführer erfuhren die Teilnehmer viel über die russische Geschäftsmentalität. Gegen Abend gab es ein Treffen im Wissenschaftlichen Informationszentrum von Nischni Nowgorod, das sich mit Innovationen, Patenten und der deutsch-russischen technischen Zusammenarbeit beschäftigt und diese fördert.

Am fünften Tag der Studienreise trafen die Reiseteilnehmer mit Studenten der Linguistischen Universität zusammen und redeten u.a. über aktuelle Problematiken des russischen Arbeitsmarktes.

Nach dem Mittagessen wurde das Büro der Freudenberg Politex, ein Unternehmen der Freudenberg- Unternehmensgruppe, besucht. Der deutsche Controller stellte das Unternehmen vor und erzählte von der neuen Fabrik, die im Gebiet Nischni Nowgorod in Betrieb genommen wurde.

Nach dem Mittagessen wurde das Büro der Freudenberg Politex, ein Unternehmen der Freudenberg- Unternehmensgruppe, besucht. Der deutsche Controller stellte das Unternehmen vor und erzählte von der neuen Fabrik, die im Gebiet Nischni Nowgorod in Betrieb genommen wurde.

Am Freitag, den 29.September, fuhr die Reisegruppe nach Bor in das Gebiet Nischni Nowgorod, um dort die Produktionsanlagen der Firma Trosifol zu besichtigen. Das Unternehmen gehört zur japanischen Kuraray- Gruppe und stellt PVC-Folie zur Herstellung von Verbundssicherheitsglas her. Das deutsche Management der OOO Trosifol in Bor führte eine Unternehmensbesichtigung und Treffen mit Studenten der Linguistischen Universitätpräsentation für die Reisegruppe durch und erzählte über die Schwierigkeiten und Vorteile bei der Ansiedlung ausländischer Produktionen im Gebiet.

Heilige Quelle in der Nähe von Diveevo

Heilige Quelle in der Nähe von Diveevo

Danach besuchten die Teilnehmer der Reise die Firma Proxing, die sich mit Projektierung und Bau beschäftigt. Am Abend wurde in den Räumen der Higher school of economics eine Gesprächsrunde mit der Firma Molodoi Uspech Consulting organisiert, eine Beratungsagentur für Investment und Kooperation in der Stadt und Region Nischni Nowgorod. Der deutsche Geschäftsführer, der Mitglied des dialog e.V. ist, berichtete über seine Erfahrungen im Bereich Beratung. Am Abend hatten die Teilnehmer der Reise die Möglichkeit das Nachtleben Nischni Nowgorods zu erkunden. Heilige Quelle in der Nähe von Diveevo

Am Samstag war insbesondere das Kennenlernen kultureller Besonderheiten des Gebiets Nischni Nowgorods geplant. So wurde eine Fahrt nach Diveevo, einer russischorthodoxen Pilgerstätte im Gebiet Nischni Nowgorod, organisiert. Ein Theaterbesuch am Abend fiel aufgrund fehlender Vorstellungen leider aus.

Am Sonntag fuhren die Teilnehmer der Reise früh mit dem Zug nach Moskau zurück und flogen von dort aus nach Berlin.

Ergebnis – Einschätzungen und Meinungsbilder

Das Programm der Studienreise war sehr vielseitig und anspruchsvoll und ermöglichte einen Einblick in fast alle Facetten der russischen Realität. Die Teilnehmer der Studienreise sahen ihre Erwartungen an die Reise fast durchgehend als erfüllt an, nicht wenige sogar als übererfüllt. In der Auswertung der Studienreise hoben sie insbesondere die gute Organisation ohne Pannen hervor, die einen Einblick in das Land und die Mentalität der Menschen gewährleistete. Auch bedankten sie sich für das sehr vielseitige Programm und die interessanten Inhalte der geführten Gespräche, dafür, dass Raum für eigene Unternehmungen gegeben wurde und sie vor Ort nette Menschen kennen lernen konnten. Viele Teilnehmer erwähnten die große Offenheit der deutschen Unternehmer vor Ort als positives Merkmal, wodurch sie ein realistisches Bild der wirtschaftlichen Situation bekamen. Ebenso die sehr entspannte und unkomplizierte Atmosphäre innerhalb der Reisegruppe und auch das durchgängig schöne Wetter trugen ihren Anteil am Erfolg der Reise.

Im Hinblick auf die nächsten Studienreisen, die der dialog e.V. veranstalten wird, gab es seitens der Teilnehmer ebenso Anregungen und Wünsche. Es wurde vorgeschlagen bei der nächsten Studienreise mehr russische Unternehmen zu besuchen, um so noch mehr über die russische Geschäftsmentalität zu erfahren. Zum einen wird gewünscht, mehr Werke und Produktionen zu besichtigen, da manche Teilnehmer auch aus dem technischen Bereich kommen. Zum anderen möchten Teilnehmer mehr Unternehmen im Telekommunikationsund/ oder Infrastrukturbereich besuchen. Wiederum andere schlugen ein etwas ausgeprägteres Kulturprogramm vor. Auch die Organisation könnte nach Meinung einiger Mitglieder der Reisegruppe etwas gelockert und beispielsweise ein freier Tag innerhalb der Reise mit eingeplant werden.

Teilnehmer der Studienreise vor dem Kreml der Stadt.

Teilnehmer der Studienreise vor dem Kreml der Stadt.

Ergebnis – dialog e.V. Studienreisen

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Studienreise nach Nischni Nowgorod als erste ihrer Art ein überaus großer Erfolg war. Sie half nicht nur, den Teilnehmern der Reise ein positives und sehr facettenreiches Russlandbild zu geben, sondern stärkte auch die gegenseitigen Interessen deutscher und russischer Studenten und Berufstätiger. Sie brachte beiden Seiten neue Impulse für eine mögliche zukünftige Zusammenarbeit und zeigte das prosperierende Leben eines Industrieund Wirtschaftszentrums in der russischen Region. Als erste Ergebnisse der Reise sind neue Mitgliedschaften der Reiseteilnehmer in verschiedenen Regionalgruppen zu nennen und die Gründung einer Nischni Nowgoroder Regionalgruppe des dialog e.V., die durch die Reise inspiriert wurde.

Der dialog e.V. hat einen Beitrag zur kulturellen Verständigung geleistet. Als Symbiose von kulturellen, wirtschaftlichen, touristischen und alltäglichen Aspekten russischen Lebens, ist die Studienreise weit und breit die einzige Veranstaltung dieser Art. Diese lohnt sich fortzusetzen. Das Projekt Studienreisen der Berliner Regionalgruppe des dialog e.V. wird deshalb auch 2007 weitergeführt. Die nächste Reise ist für September 2007 nach Ekaterinburg geplant.

Materialien zum Download
Reisebericht im Format PDF