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Frau Simone Baumann während ihres Vortrags |
Der russische Film- und Fernsehmarkt war seit Perestrojka und Glasnost für so manche Überraschung gut. Nach einem beispiellosen Niedergang einheimischer Produktionen regierten auf den russischen Fernsehschirmen in den 1990er Jahren Importe aus vielen Ländern. In der Masse handelte es sich um US-amerikanische Ballerfilme, lateinamerikanische Schmachtserien und bekannte westliche Show-Formate. Kinos verschwanden fast gänzlich von der Bildfläche.
Ab dem Jahre 2000 jedoch nahmen russische Studios, Fernsehsender und Verleiher Anlauf zur Kehrtwende. Mit Erfolg: Die heimische TV- und Kino-Industrie mischt beim allgemeinen russischen Wirtschaftsboom inzwischen kräftig mit. Die Zuschauer fliegen auf einheimische Stars und der eine oder andere Hit konnte sich sogar international durchsetzen. Wie aber kam es zu der unerwarteten Trendwende und wie sehen die weiteren Prognosen aus? Um Genaueres zu erfahren, hatte dialog e.V. Leipzig Simone Baumann am 6. Februar zum Vortrag in die Moritzbastei eingeladen. Sie ist Geschäftsführerin der Film- und Fernsehproduktion L.E. Vision mit Büros in Leipzig, Moskau und Peking. Frau Baumann ist ausgewiesene Kennerin des russischen Film- und Fernsehmarkts. So war sie unter anderem für zahlreiche Dokumentar- und Spielfilme sowie Fernsehreportagen über Russland verantwortlich. Zudem repräsentiert sie seit 2005 German Films in Osteuropa, dem nationalen Informations- und Beratungszentrum für den weltweiten Export deutscher Filme. In dieser Funktion organisiert sie auch das jährliche Festival des Deutschen Films in Moskau.
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Blick auf das Podium |
Der Fernsehmarkt wurde mit Beginn des russischen Rohstoffrauschs von kremlnahen Oligarchen und Staatsbetrieben wie der allgegenwärtigen Gazprom entdeckt. Hinter den Kulissen bildeten die neuen Eigentümer schwer durchschaubare und häufig wechselnde Eigentumsstrukturen. Das Gros der Zuschaueranteile entfällt auf fünf große Sender: An der Spitze rangieren derzeit mit jeweils ca. 20 Prozent Pervyj Kanal (Erster Kanal, ehemals ORT) sowie Rossija (ehemals RTR). Neben den überregionalen Riesen professionalisieren sich unter Schirmherrschaft von Regionalfürsten zunehmend auch lokale Sender. Repräsentativstes Beispiel hierfür ist der St. Petersburger Pjatyj Kanal.
Gemeinsam ist all diesen Sendern, dass sie ausschließlich werbefinanziert sind. Öffentlich-rechtliche Strukturen mit Gebühren oder Bezahl-Fernsehen? Fehlanzeige – für die überwiegende Mehrheit der Russen wäre es unvorstellbar, für TV regelmäßige Beiträge abbuchen zu lassen, glaubt Simone Baumann. Das bedeutet: satte Werbeblöcke und eine konsequent kommerzielle Ausrichtung auf allen wichtigen Frequenzen. Königlich dotierte Programmdirektoren-Posten sorgen dafür, dass – anders als bei der Presse – Ansätze politischer Kritik bereits hausintern im Keim erstickt werden. Eine tief verinnerlichte Selbstzensur und die Macht der Werbequote sorgen dafür, dass die Sender auch ohne direkte politische Einflussnahme von „oben“ um heiße Eisen einen großen Bogen machen und durchweg handzahm agieren.
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Frau Baumann im Gespräch mit einem Besucher |
Ein sehr bemerkenswertes Phänomen sei die plötzlich wiederentdeckte Liebe zu heimischen Produktionen, findet Simone Baumann. Das russische Publikum ruft nach heimischen Stars und hat erkannt, dass hausgemachte Dramaturgien besser zur Identifikation taugen als Dramen amerikanischer Groß- und Vorstädte. Da die sendereigenen Ressourcen den enorm gestiegenen Bedarf an Fernsehproduktionen inzwischen nicht mehr decken können, platzen bei den jahrelang dahinsiechenden russischen Filmstudios die Auftragsbücher mit einem Mal aus allen Nähten. Dank üppiger Investitionen halten die russischen Studios jetzt auch in punkto technischer Raffinesse mit westlichen Standards locker mit.
Ein ähnlicher Aufschwung wie bei den Fernsehproduktionen ist seit etwa 2001 auch bei den Kinofilmen zu verzeichnen. Zum einen wurde die Infrastruktur der Spielstätten und Verleihorganisationen rasant ausgebaut. Zur Jahrtausendwende existierten in Russland gerade noch 78 Leinwände; 2006 waren es bereits 1319. Auch im Kino erfolgte eine starke Hinwendung zu russischen Superstars und Regisseuren. Ganz hoch in der Publikumsgunst stehen technisch hochwertige Actionfilme, Fantasy und Thriller. Da auch in den moskaufernen Regionalzentren der Rubel immer schneller rollt, sind Eintrittspreise von umgerechnet vier bis acht Euro selbst in Städten wie Perm, Ufa, Irkutsk und Wladiwostok für immer mehr Zuschauer erschwinglich. In Moskau finden Tickets sogar für sechs bis zehn Euro ihre Abnehmer.
Zumindest in den nächsten zwei Jahren werde der Kuchen wohl noch kräftig weiter wachsen, glaubt Baumann. Insbesondere das Moskauer Gebiet, Sibirien und der russische Süden gelten als Wachstumsmärkte. Kein Wunder also, dass in Europa das Interesse an Koproduktionen und Exporten wächst. Von russischer Seite stößt dieses Interesse aber auf eher schwache Gegenliebe. Filme aus dem europäischen Ausland kommen selten oder bestenfalls mit einer einstelligen Kopienanzahl in den Verleih. Obgleich das Festival des Deutschen Films sogar im übersättigten Moskau ansehnliche Besucherzahlen generieren konnte, gibt es nur eine Handvoll deutscher Streifen wie Lola rennt und Goodbye Lenin, die den Russen ein Begriff sind – ein Schicksal, dass sich die deutschen Filmemacher mit den anderen europäischen Kollegen teilen. Immerhin: Das Leben der Anderen soll demnächst mit einer Kopienanzahl im respektablen Bereich anlaufen.
Dies ändert aber nichts an der Grundtendenz, dass der russische Filmmarkt im Wesentlichen mit sich selbst beschäftigt ist und es sich auch leisten kann. Schon bald sollen im Land mehr als 100 Filme pro Jahr gedreht werden. Und wer in Russland produzieren möchte, sollte sich seine Studioausrüstung besser selbst mitbringen, da freie Termine erst in einigen Jahren wieder zu haben sind.
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