Nach dem Bau der Ostsee‐Pipeline wird rund 40 Prozent des gesamten Gases, das nach Deutschland importiert wird, aus Russland kommen. Russland verfügt über die größten Gasreserven der Welt und verkauft den unsichtbaren Energieträger vor allem nach Europa. Doch das soll nicht so bleiben. Russland plant gigantische Pipelineprojekte gen Osten, vor allem nach China. In den vergangenen Jahren wird Russland immer wieder vorgeworfen, seinen Reichtum an Energieressourcen als politisches Druckmittel zu missbrauchen.
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Dr. Götz während des Vortrags |
Insbesondere der „Gaskrieg“ gegen die Ukraine hat viele Politiker aufgeschreckt. Viele von ihnen warnen seit Jahren davor, Deutschland dürfe sich nicht abhängig machen vom russischen Gas. Doch was wären die Alternativen? Und würde Russland wirklich Deutschland und der Europäischen Union den Gashahn zudrehen?
Zu diesem hochbrisanten und spannenden Thema hatte die Leipziger Regionalgruppe des dialog e.V. am 28. Oktober 2008 im Rahmen der Vortragsreihe „Gedanken über Russland“ in die Leipziger Moritzbastei eingeladen. Als Referent war Dr. Roland Götz, bis März 2008 noch Forschungsgruppenleiter Russland/GUS bei der Stiftung Wissenschaft und Politik, zu Gast. Zu den Forschungsinteressen des Energieexperten zählen neben den Energiebeziehungen zwischen Russland und der Europäischen Union auch die Analyse volkswirtschaftlicher Strukturen sowohl in Russland als auch in den GUS‐Staaten – ausreichend Expertise, um die Debatte um die Energieversorgungssicherheit in der Europäischen Union detailliert zu schildern.
Zunächst ging Dr. Götz auf die viel beschriebene Unsicherheit der Transportwege ein und klärte zudem die Frage, ob Russland, abgesehen von politischen Fragestellungen, überhaupt über die Ressourcen verfügt die Europäische Union zu beliefern. Dabei wies er vor allem darauf hin, dass oft nur mit den Reserven an fossilen Energieträgern argumentiert wird. Betrachtet man die Ressourcen, also die mit zukünftiger Technik rentabel abbaubaren Vorkommen, dann ergibt sich ein bedeutend positiveres Bild. Während viele Geologen ein globales Öl‐ und Gasfördermaximum bereits zwischen jetzt und 2015 schätzen, sieht Dr. Götz ein Förderplateau um das Jahr 2030, da aus seiner Sicht die Marktkräfte unterschätzt werden. Er schätzt die Förderprognosen Russlands als verlässlich ein und folgert daraus eine sichere Bedarfsdeckung bis 2030.
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Das Publikum während des Vortrags |
Eines der zentralen Felder des Vortrags sowie der sich anschließenden Diskussion war die Politisierung der Energieressourcen. Wenn man, so Götz, die Energieexporte als „außenpolitische Waffe“ ansieht, dann übersieht man die Abhängigkeit Russlands von seinen Absatzmärkten. Russlands Wirtschaft sei auf die Deviseneinnahmen angewiesen. Rund 90 Prozent der Energieträgerexporte gingen nach Europa, erklärte Götz. Dadurch bestehe eine hohe gegenseitige Abhängigkeit.
Die Wahrscheinlichkeit einer weitgehenden oder völligen energiepolitischen Hinwendung Russlands in Richtung Asien stuft Götz gering ein. Der weit überwiegende Teil der russischen Energieexporte werde auf Grund der bestehenden Transportinfrastruktur auch in Zukunft nach Westen gehen. Zudem könnten die noch zu bauenden Pipelines in Richtung Osten maximal ein Viertel der russischen Erdöl‐ und Erdgasexporte aufnehmen. Immer wieder griffen die Fragen aus dem Publikum neben der Energieversorgungssicherheit auch die Schaffung eines „Gaskartells“ unter russischer Führung auf. Ein Kartell dieser Art das – ähnlich der Organisation der Erdöl exportierenden Länder (OPEC) – durch Produktionsabsprachen eine dominierende Position im Markt einnehmen könnte, ist Dr. Götz zufolge faktisch nicht möglich. Denn in Europa besteht eine Bindung der Gasexportpreise an den Ölpreis. Dadurch sei es nicht möglich die Preise zu beeinflussen. Auch müsste es zur Aufkündigung der Langzeitverträge kommen, die jedoch aus ökonomischer Sicht im Interesse der Produzentenstaaten sind.
Nicht nur an der sehr gut besetzten Ratstonne konnte man das starke Interesse des Publikums am Thema erkennen, sondern auch an den zahlreichen Fragen und der angeregten Diskussion die sich noch im informellen Teil der Veranstaltung fortsetzte.
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| Weitergehende Verweise |
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